Wofür arbeiten wir eigentlich?
Mit unserer Arbeit entscheiden wir jeden Tag, wofür wir unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit einsetzen. Zwei neue Berichte zeigen, welche Frage wir dabei nicht aus dem Blick verlieren dürfen.
Geht es im Sommer 2026 um die Zukunft der Arbeit, steht Künstliche Intelligenz oft im Mittelpunkt. Welche Jobs verschwinden, welche entstehen und welche Fähigkeiten wichtiger werden. Oder wie viel Produktivität noch möglich ist. Diese Fragen sind wichtig. Doch zwei Publikationen aus dem Juni zeigen, welche Perspektive in der Debatte oft fehlt: Nicht, wie produktiv wir werden – sondern wofür.
Eine Utopie für Realisten
Anfang Juni hat das World Inequality Lab den Global Justice Report veröffentlicht. Ein Team um die französischen Ökonomen Lucas Chancel und Thomas Piketty rechnet darin durch, ob hohe Lebensqualität für alle Menschen innerhalb planetarer Grenzen bis 2100 überhaupt möglich wäre.
Ihre Antwort: Ja, aber nur unter drei Voraussetzungen. Eine schnelle Dekarbonisierung der Energiesysteme. Suffizienz – also weniger materieller Verbrauch und mehr Zeit statt immer mehr Konsum. Und eine drastische Reduktion der Ungleichheit.
Der Plan, den sie skizzieren, setzt auf Instrumente, mit denen sich heute vielerorts keine politischen Mehrheiten finden lassen: globale Vermögenssteuern, einen Weltstaatsfonds oder deutlich höhere Spitzensteuersätze. Doch die Autor:innen verstehen den Report nicht als Prognose, sondern als Modell dessen, was möglich wäre.
Die Bedeutung solcher «Utopien für Realisten», um Rutger Bregmans Buchtitel zu zitieren, ist in einer Welt zwischen Polykrise und Sinnkrise nicht zu unterschätzen. Der Global Justice Report stellt eine Frage, die in der KI-Debatte kaum vorkommt: Wozu soll die ganze Produktivität eigentlich gut sein?
Ohne Gesundheit, Bildung, Zeit, faire Verteilung und ökologische Stabilität ist kein gutes Leben möglich. Wenn Produktivität diesem Ziel dienen soll, müsste Arbeit stärker dorthin fliessen, wo genau diese Dinge entstehen – und nicht nur dorthin, wo sich Output am günstigsten skalieren lässt.
Der Report beantwortet allerdings erst die erste Hälfte der Frage. Er beschreibt, welche Zukunft möglich wäre. Offen bleibt, wie Gesellschaften entscheiden, welche Zukunft tatsächlich gebaut wird. Genau dort setzt der zweite Bericht an.
Wo Produktivität auf planetare Grenzen trifft
Ende Juni legte das Grantham Research Institute der London School of Economics seinen jährlichen Bericht zur Klimalitigation vor. Er dokumentiert mittlerweile mehr als 3’600 klimabezogene Gerichtsverfahren weltweit. Ein Befund ist besonders bemerkenswert: Bei Klimaklagen geht es immer häufiger darum, wie der Übergang zu einer klimaverträglichen Wirtschaft umgesetzt wird.
Neue Infrastruktur für die Energiewende, CO₂-Entnahme oder Rechenzentren für Künstliche Intelligenz schaffen neue Zielkonflikte. Gerichte werden damit zu Orten, an denen Gesellschaften aushandeln, welche Formen des Fortschritts akzeptabel sind.
Auch Rechenzentren geraten dabei zunehmend in den Fokus. Der KI-Boom macht sichtbar, wie gross der materielle Fussabdruck digitaler Produktivität ist. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Technologie Teil der Lösung ist. Sondern wem sie dient, welche Ressourcen sie beansprucht und ob sie neue fossile Abhängigkeiten schafft oder bestehende überwinden hilft.
Damit schliesst sich der Kreis zum Global Justice Report. Wenn Produktivität einem guten Leben innerhalb planetarer Grenzen dienen soll, genügt es nicht, immer effizientere Technologien zu entwickeln. Entscheidend ist, wofür wir sie einsetzen.
Diese Entscheidungen fallen nicht nur vor Gerichten oder in Parlamenten. Sie entstehen auch in Unternehmen – dort, wo jeden Tag entschieden wird, woran Menschen arbeiten und welche Probleme sie lösen sollen.
Eine Wette auf die Zukunft
Womit wir bei der Arbeit wären.
Wir reden oft über Kapitalallokation, als wäre Geld der einzige Hebel für eine enkeltaugliche Zukunft. Dabei übersehen wir einen zweiten Hebel: die Allokation von Arbeit. Investor:innen entscheiden, wohin Kapital fliesst. Organisationen entscheiden, wofür Menschen ihre Lebenszeit einsetzen.
Kapital lässt sich umschichten. Lebenszeit nicht.
Rund 80’000 Stunden Lebensarbeitszeit hat ein Mensch. Es ist der grösste Gestaltungsspielraum, den die meisten von uns je haben werden.
Deshalb schauen wir bei Futurejobs auf Stellen mit einer einfachen Frage: Erhält diese Rolle ein bestehendes System – oder gestaltet sie ein neues? Die beiden Berichte legen nahe, die Frage noch eine Ebene höher zu stellen: Welche Arbeit macht eine Zukunft wahrscheinlicher, in der Produktivität einem guten Leben dient statt umgekehrt?
Wofür wir arbeiten
Der Global Justice Report fragt, ob ein gutes Leben für alle innerhalb planetarer Grenzen möglich ist. Der Bericht der London School of Economics zeigt, dass genau diese Zukunft bereits ausgehandelt wird – in Gerichten, Unternehmen und Infrastrukturprojekten.
Für die meisten von uns entscheidet sie sich jedoch an einem viel unscheinbareren Ort: bei der Arbeit.
Jeder Job lenkt Zeit, Aufmerksamkeit, Urteilskraft und Verantwortung in eine bestimmte Richtung. Er stärkt bestehende Systeme oder hilft mit, neue aufzubauen. Deshalb ist eine Karriere mehr als eine persönliche Entscheidung. Sie ist auch eine Entscheidung darüber, welche Zukunft wahrscheinlicher werden soll.
Die wichtigste Frage der Zukunft der Arbeit lautet deshalb nicht, wie produktiv wir werden. Sondern wofür.
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