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Wenn alle KI nutzen, wird das Menschliche teuer

Von 15.05.2026 Career Change Essentials Kommentare sind aus

Wer im Zeitalter der künstlichen Intelligenz auffallen will, sollte vielleicht wieder mal zum Telefon greifen. (Bild: Chu CHU)

Ratgeber zur KI-gestützten Bewerbung gibt es wie Sand am Meer. Die meisten empfehlen Ähnliches: Nutze KI als Assistentin, nicht als Ghostwriter. Personalisiere dein Anschreiben. Bring eigene Beispiele ein. Recherchiere die Organisation. Behalte deine Stimme.

Das ist alles richtig. Es reicht nur nicht mehr.

Denn das eigentliche Problem ist nicht, dass KI schlechte Bewerbungen schreibt. Das Problem ist, dass KI gute Bewerbungen billig macht. Ein sauber formuliertes Motivationsschreiben war früher ein Signal. Heute ist es zunehmend zur Mindestanforderung geworden.

Letzte Woche habe ich beschrieben, warum: Wenn Bewerbung und Recruiting beide mit KI aufrüsten, entsteht eine Eskalationsschleife. Mehr Volumen, weniger Information. Oder kurz: Das Signal verschwindet.

Was folgt daraus? Nicht einfach: KI besser nutzen. Sondern in erster Linie: Dort ein Signal setzen, wo KI nicht hinkommt.

Warum mehr Mühe nicht mehr hilft

Die Yale-Ökonom:innen Jingyi Cui, Gabriel Dias und Justin Ye haben untersucht, was passiert, wenn ein KI-Anschreibetool eingeführt wird. Das Ergebnis: Bewerbende mit Zugang zum Tool verfassten bessere, passgenauere Anschreiben und erhielten mehr Interviews.

Aber gleichzeitig sank die Aussagekraft des Anschreibens. Vor Einführung des Tools war ein gut zugeschnittenes Schreiben stark mit Rückmeldungen und Jobangeboten verbunden. Nach Einführung des Tools fiel diese Korrelation deutlich: um 51 Prozent bei Callbacks und um 79 Prozent bei Jobangeboten.

Der Wharton-Ökonom Judd Kessler fasst es im Fortune zusammen: «Früher gab es einige wenige wirklich gute Motivationsschreiben. Daran konnte man erkennen, welche Kandidat:innen am besten passten. Heute überschreiten praktisch alle Motivationsschreiben eine gewisse Qualitätsschwelle. Sie werden zur Voraussetzung – nicht mehr zum Unterscheidungsmerkmal.»

Der ehemalige UBS-Personalchef Gery Bruederlin sagt es in der NZZ noch härter: «Das Motivationsschreiben ist tot.» Und er beschreibt das Grundproblem als «technologischen Teufelskreis der Rekrutierung»: Bewerbende lassen ihr Dossier von KI schreiben, Recruiter:innen lassen es von KI vorsortieren.

Wer sich heute abheben will, muss deshalb Signale setzen, die teurer sind als ein gut formuliertes PDF.

Fünf Wege, Signale zu setzen

Bewirb dich weniger, dafür belegbar

Drei Bewerbungen, in denen du ein konkretes Detail aus dem Geschäftsbericht referenzierst, eine präzise Frage zu einem laufenden Projekt stellst oder einen Zielkonflikt der Organisation erkennst, senden ein anderes Signal. Sie zeigen Recherchezeit. Und Recherchezeit lässt sich nicht beliebig skalieren.

Hinterleg deine Behauptungen mit etwas Anklickbarem

Was nicht in den Lebenslauf passt, kann verlinkt werden: ein Projekt, ein Blogbeitrag, ein GitHub-Repo, eine Fallstudie, ein kurzes Loom-Video, ein öffentliches Konzept, ein Portfolio, ein Vortrag.

Solche Belege können ebenfalls mithilfe von KI erstellt worden sein. Der Unterschied besteht darin, dass sie öffentlicher, kontextreicher und stärker mit konkreten Entscheidungen, Ergebnissen oder Lernprozessen verbunden sind. Sie sind nicht unmöglich zu fälschen, aber deutlich teurer zu simulieren als ein frisch generiertes Motivationsschreiben.

Gerade für Quereinsteiger:innen ist das zentral. Wer in ein neues Feld wechseln will, hat oft noch keine klassische Erfahrung in genau diesem Bereich. Dann muss die Frage anders beantwortet werden: Nicht «Habe ich diesen Job schon gemacht?», sondern «Kann ich zeigen, dass ich mich in dieses Feld hineinarbeiten kann?»

Lass andere für dich sprechen

Eine Empfehlung verstärkt die Wirkung eines guten Anschreibens um ein Vielfaches. Es ist ein anderes Signal. Es geht nicht nur um schöne Worte, sondern um Glaubwürdigkeit. Eine reale Person ist bereit, ihren Namen mit deiner Arbeit zu verbinden.

Für Bewerbende heisst das: Sammle Referenzen nicht erst, wenn du suchst. Bitte frühere Vorgesetzte, Kund:innen, Projektpartner:innen oder Dozent:innen um kurze, konkrete Rückmeldungen.

Such die Direktansprache vor dem Formular

Wenn alle Bewerbungen skalieren, wird der nicht-skalierbare Kontakt wertvoller.

Das Arbeitsmarktbarometer 2025 von Rundstedt zeigt: Bei den begleiteten Stellensuchenden war das persönliche Netzwerk 2024 mit 43 Prozent wieder der erfolgreichste Suchkanal. Öffentliche Ausschreibungen lagen bei 38 Prozent.

Das ist ist ein starkes Signal: Wer nur Formulare ausfüllt, bewegt sich im lautesten Teil des Markts.

Eine LinkedIn-Nachricht an die fachverantwortliche Person, ein Anruf, eine kurze Rückfrage nach einem Event oder ein Gespräch an einem Verbandsanlass sind keine Tricks. Sie zeigen echtes Interesse, weil sie Zeit kosten.

Eine KI kann hundert Anschreiben generieren. Aber sie kann nicht hundert echte Gespräche für dich führen.

Nutze KI für die Vorbereitung, nicht zur Tarnung

Miriam Hofstetter von der Arbeitsmarktbeobachtung Amosa sagt im SRF-Beitrag: «Wertvoller wäre es, KI zu nutzen, um sich auf das Bewerbungsgespräch vorzubereiten.»

Das ist vielleicht der wichtigste praktische Hinweis.

Denn im Gespräch wird sichtbar, ob du den Text verstanden hast, den du eingereicht hast. Ob du erklären kannst, warum dich diese Organisation interessiert. Ob du Rückfragen stellen kannst. Ob du mit Ambivalenz umgehen kannst. Ob du konkrete Situationen beschreiben kannst.

Nutze KI deshalb nicht nur, um Sätze schöner zu machen. Nutze sie, um Gesprächssituationen zu simulieren, kritische Nachfragen zu üben, dein Profil gegen das Inserat zu spiegeln und bessere Fragen zu entwickeln.

Das ist die bessere KI-Nutzung: nicht Tarnung, sondern Vorbereitung.

Für Quereinsteiger:innen: Zeig den 60:40-Match

Die Versuchung ist gerade für Quereinsteiger:innen gross, einen perfekten Match vorzutäuschen.

Bruederlin kritisiert im NZZ-Interview die Fixierung vieler Unternehmen auf den hundertprozentigen Match. In einer Arbeitswelt, in der sich Funktionen ständig verändern, werde Potenzial wichtiger als der Status quo.

Für Bewerbende heisst das: Tu nicht so, als könntest du alles. Zeig lieber präzise:

  • Was bringe ich bereits mit?
  • Was fehlt mir noch?
  • Wie schnell kann ich es lernen?
  • Welche Belege zeigen, dass ich mich schon früher in neue Felder eingearbeitet habe?


Eine Bewerbung, die jede Lücke versteckt, klingt heute verdächtig. Eine Bewerbung, die Stärken und Lernfelder klar benennt, kann Vertrauen schaffen.

Nicht der perfekte Match ist glaubwürdig. Sondern der belegbare nächste Schritt.

Was bleibt

Wer KI nutzt, um die eigene Erfahrung präziser zu erklären, handelt sinnvoll. Wer KI jedoch verwendet, um Erfahrung, Passung oder Kompetenz vorzutäuschen, baut auf ein Signal, das spätestens im Gespräch, in der Referenzprüfung oder in der Arbeitsprobe kollabiert.

Die neue Bewerbungsstrategie besteht deshalb nicht darin, KI besser als alle anderen zu nutzen. Sondern darin, Signale zu setzen, deren Wert KI nicht zerstört:

Recherchezeit. Sichtbare Arbeit. Referenzen. Persönliche Kontakte. Gesprächsleistung. Belegbares Lernpotenzial.

Wenn alle KI nutzen, wird das Menschliche nicht romantischer.

Es wird ökonomisch wertvoller.

Weiterlesen:

Yale-Working Paper «Signaling in the Age of AI» (Cui/Dias/Ye, 2025)

AI Is Killing the Cover Letter (Wharton Knowledge)

Bewerbungen mit KI aufbessern – eine Gratwanderung (SRF, April 2026)

Arbeitsmarktbarometer 2025: Bedeutung verdeckter Arbeitsmarkt (Rundstedt)

«Das Motivationsschreiben ist tot» (NZZ-Interview mit Gery Bruederlin, Mai 2026)

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