Kann Schokolade dekolonisiert werden?
Eine Impact Story über Kakao, Kleinproduzent:innen und eine Schweizer Firma, die koloniale Wertschöpfungsketten auf den Kopf stellen will.
Ein Kleinproduzent bei der Trocknung der Bohnen – eine Arbeit, die oft nicht für ein existenzsicherndes Einkommen reicht. (Bild zVg. von gebana)
Wenn du das nächste Mal im Laden eine Tafel Schokolade kaufst, rechne kurz mit. Von jedem Franken, den du bezahlst, gehen oft nur sechs bis neun Rappen an die Menschen, die den Kakao angebaut haben. Der Rest verteilt sich entlang der Kette auf Verarbeitung, Handel, Marken und Logistik – also auf jene Stufen, in denen Wertschöpfung, Verhandlungsmacht und Margen sitzen.
Die Schweiz ist Weltmeisterin in der Schokoladenproduktion. Aber der Rohstoff, ohne den nichts geht, kommt zu einem grossen Teil aus Westafrika. Rund 70 Prozent der globalen Kakaoernte wachsen dort, auf den Feldern von Millionen Kleinproduzent:innen. Viele von ihnen erzielen mit dem Kakaoanbau kein existenzsicherndes Einkommen.
Das Schweizer Fairtrade-Unternehmen gebana will das ändern. Nicht mit Spenden. Sondern mit einer Fabrik.
Ein Büro, ein paar Maschinen, eine Idee
Die Geschichte führt uns nach Togo, einem kleinen westafrikanischen Land zwischen Benin und Ghana, in dem rund 60 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben. Seit dem Jahr 2010 handelt gebana hier mit Kakao. Als ein Handelskunde dem Unternehmen eines Tages einige rudimentäre Maschinen für die Schokoladenherstellung überliess, nutzte das Team vor Ort die Gunst der Stunde. In einer Büroküche in Togo begann die Produktion – komplett von Hand.
2021 entstand die erste Schokolade. Im Rahmen eines Crowdfundingprojekts produzierte gebana 2023 erstmals Schokolade für Kund:innen. Vollständig vor Ort produziert, inklusive Kakaobutter aus denselben Bohnen, gepresst vor Ort. Innert zehn Stunden war alles ausverkauft.
Seither gibt es die Schokolade in kleinen Chargen im gebana-Onlineshop. Wer die Verarbeitung neu aufbaut, startet mit kleinen Mengen, viel Handarbeit und steilen Lernkurven. «Das erfordert viel Handarbeit», sagt gebana CEO Christophe Schmidt gegenüber der Luzerner Zeitung. «Dementsprechend hoch ist der Preis.»
Aber der Plan ist grösser.
«Swiss chocolate – made in Togo!» – Das Video von gebana für das Crowdfunding zum Bau einer Fabrik in Togo.
1,2 Millionen für Togos nächste Stufe der Wertschöpfung
gebana will 1,2 Millionen Franken in eine neue Produktionsstätte investieren – mit dem Ziel, zum grössten Schokoladeproduzenten Togos zu werden. Langfristig sollen bis zu 300 Tonnen Kakaoprodukte entstehen. Neben rund 74 Tonnen Schokolade jährlich plant gebana Kakaomasse, Kakaobutter und Kakaopulver herzustellen und zu exportieren.
Der Hebel dahinter: Nicht nur Bohnen exportieren, sondern auch Verarbeitung, Know-how, Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Herkunftsland aufbauen. Statt der branchenüblichen rund 10 Prozent sollen laut gebana bis zu 50 Prozent des Endverkaufspreises im Ursprungsland verbleiben.
Um die Finanzierung zu stemmen, wurde Ende 2025 ein Crowdfunding für 500’000 Franken Startkapital lanciert: Interessierte können Tafeln aus der künftigen Produktion vorbestellen. Anfangs März sind bereits über 90 Prozent der Summe finanziert.
Warum Schokolade dort produzieren, wo der Kakao wächst?
Um die Bedeutung dieses Projekts zu verstehen, muss man zuerst das System verstehen, das es verändern will.
Die globale Kakao-Wertschöpfung folgt bis heute einem Muster, das viele Historiker:innen als koloniales Erbe beschreiben: Rohstoffe wachsen im globalen Süden – veredelt wird im globalen Norden. Das ist nicht nur Geschichte, das ist Struktur. Die EU verstärkt das Muster über sogenannte Zoll-Eskalation: Auf rohe Kakaobohnen liegt der gebundene Zollsatz bei null Prozent, auf verarbeitete Produkte wie Kakaopulver bei rund 7,7 Prozent – je nach Produktkategorie auch höher (vgl. FAO/EU-Tarifübersichten). Wer im Ursprungsland verarbeiten will, stösst damit schneller an Preisgrenzen.
Die Elfenbeinküste liefert das eindrücklichste Beispiel: Das Land produziert rund 40 Prozent des weltweiten Kakaos – aber fertige Schokoladenprodukte machen gerade einmal 2,4 Prozent seiner Exporte aus (vgl. OEC/UN Comtrade-Auswertungen).
«Als ich in Togo war, habe ich realisiert, dass einige Kakao-Bauern noch nie Schokolade gesehen haben», sagt Schmidt. «Das ist doch widersinnig. Wir müssen diese Bauern an der Wertschöpfung beteiligen.»
Janina Grabs, Professorin für Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Basel, unterstützt den gebana-Ansatz grundsätzlich. Lokale Verarbeitung könne dabei helfen, mehr Wertschöpfung im Anbauland zu halten, sagte sie gegenüber Nau.ch. Es entstünden Arbeitsplätze und lokales Know-how; die Mitbestimmung bei Herstellung und Vermarktung wachse. Das helfe, so Grabs, die Schokolade zu «dekolonisieren». Gleichzeitig mahnt sie: Lokale Produktion allein garantiere noch keine besseren Löhne oder Arbeitsbedingungen. Entscheidend sei, wem das Unternehmen gehöre und wie es Angestellte sowie Zulieferer behandle.
Die Preiskrise, die alles verschoben hat
Die Recherche für diesen Artikel fällt in eine Phase, die den Kakaomarkt grundlegend erschüttert hat. Zwischen 2023 und Anfang 2025 stiegen die Weltmarktpreise in historischem Ausmass; Berichte dokumentieren Rekordstände jenseits von 10’000 US-Dollar pro Tonne – ausgelöst durch Klimaschäden, Pflanzenkrankheiten und jahrzehntelange Unterinvestition. Anfang 2026 sind die Preise zwar deutlich gefallen, Analyst:innen rechnen aber mit einem strukturell höheren Preisniveau als im vergangenen Jahrzehnt.
Das Paradoxe: Von den Rekordpreisen profitierten viele Bauernfamilien in Westafrika nur begrenzt. In wichtigen Produzentenländern wie Ghana werden Farmgate-Preise staatlich festgelegt und reagieren zeitlich verzögert auf Weltmarktbewegungen. Während der Markt Rekorde schrieb, waren viele Ernten bereits zu deutlich tieferen Preisen unter Vertrag. Das Geld floss an Zwischenhändler, Spekulanten und Verarbeiter. Nicht an die Menschen auf den Feldern.
Gleichzeitig erhöht die EU mit ihrer neuen Entwaldungsverordnung (EUDR) den Druck: Ab 30. Dezember 2026 müssen grosse und mittlere Unternehmen nachweisen, dass importierte Produkte wie Kakao nicht mit Entwaldung in Verbindung stehen – rückverfolgbar bis zur einzelnen Parzelle. Kleine und Kleinstunternehmen haben dafür bis zum 30. Juni 2027 Zeit (vgl. EU-Verordnung 2023/1115).
Für Kleinproduzent:innen ohne GPS-Kartierung und digitale Infrastruktur wird der Zugang zum europäischen Markt damit ungleich schwieriger.
(Bilder zVg. von gebana)
Was gebana anders macht – und was nicht
Was als Handel mit wenigen Tonnen Kakao pro Jahr begann, ist heute ein Netzwerk aus rund 1600 Bauernfamilien, drei Kooperativen und elf Agrartechniker:innen, die regelmässig die Parzellen besuchen.
Das gebana-Modell geht über klassische Fairtrade-Ansätze hinaus: 10 Prozent des Verkaufspreises aus dem eigenen Onlineshop fliessen als bedingungslose Jahresprämie an die Bauernfamilien – zusätzlich zum Bio- und Fairtrade-Preis. Und zwar an alle Familien im Netzwerk, nicht nur jene, deren Kakao in der jeweiligen Tafel steckt. Für Togo weist der gebana-Jahresbericht 2024 Modell-Prämien in Höhe von 121’489 Euro aus. Die Auszahlung erfolgt per personalisiertem Mobile Payment – als Schutz gegen Korruption.
Die gebana-Gruppe beschäftigt weltweit knapp 700 Mitarbeitende in den Anbauländern, dazu rund 75 in Zürich, Berlin und Utrecht. Vor Ort arbeitet gebana mit rund 12’000 Kleinproduzent:innen zusammen.
Sämtliche Parzellen in Togo sind GPS-kartiert und digital erfasst. Das Unternehmen setzt unter anderem auf Satellitenabgleiche, um Entwaldungsrisiken zu erkennen – ein strategischer Vorsprung für die EUDR-Compliance, den viele Konkurrenten nicht haben.
Seit 2021 fördert gebana zudem dynamische Agroforstwirtschaft. Statt Kakao-Monokulturen kombinieren die Bauernfamilien verschiedene Pflanzen – Kochbananen, Mais, Bohnen, einheimische Bäume – in einem System, das dem Regenwald nachempfunden ist. Dutzende Parzellen wurden bereits umgestellt, zehntausende Setzlinge verteilt.
Patric Edoh, einer der beteiligten Bauern, beschreibt den Nutzen pragmatisch: Er schneide die Kochbananen, wenn er sie brauche, und verkaufe sie, damit die Kinder zur Schule gehen könnten. Nach nur zwei bis drei Monaten könne man von der Vielfalt an Pflanzen profitieren.
Die Selbstkritik, die man selten findet
Was gebana von vielen anderen Akteuren in der Branche unterscheidet, ist die öffentlich dokumentierte Selbstkritik. Auf der eigenen Website bewertet das Unternehmen seine Anstrengungen inklusive klarer Schwachstellen.
Beim Bio-Anbau sieht es gut aus: Alle Bauernfamilien sind bio-zertifiziert oder in Umstellung. Beim Druck auf Grosskunden, höhere Preise zu zahlen, sieht gebana selbst grosse Defizite – erst vier Abnehmer machen mit. Und beim Thema Kinderarbeit bleibt die Ambivalenz: Kindersklaverei findet gebana nicht in den eigenen Lieferketten. Aber kein Unternehmen kann glaubwürdig behaupten, auf jedem Feld jederzeit kontrollieren zu können, ob Kinder mitarbeiten oder deshalb die Schule verpassen.
gebana formuliert das so: Die meisten Probleme der Schokolade seien Folgen von Armut. Es reiche nicht, nur gegen deren Symptome wie Abholzung oder Kinderarbeit vorzugehen.
In Togo, wo Kinderarbeit weit verbreitet ist, hat gebana 2024 mit einer lokalen NGO Pilot-Workshops mit Bauernfamilien durchgeführt. Die Ergebnisse sollen 2026 in konkrete Massnahmen für regelmässigen Schulbesuch münden. Es ist ein Anfang. Nicht mehr
Mitarbeitende präsentieren die Schokolade, die inklusive Kakaobutter vollständig im Ursprungsland hergestellt wurde. (Bild zVg. von gebana)
Was schiefgehen kann
Schokolade direkt im Herkunftsland zu produzieren ist vielversprechend – aber auch riskant. Ein Risikofaktor ist die Logistik. Schokolade ist temperaturkritisch. Ihr Export aus Westafrika erfordert stabile Kühlketten und eine robuste Containerlogistik. Ohne genügend Volumen können die Stückkosten schnell explodieren.
Hinzu kommt die Qualität. gebana schreibt selbst, die Schokolade sei aufgrund der einfachen Herstellungsmethode noch nicht ganz so zartschmelzend wie Schweizer Schokolade. Entscheidend wird sein, wie schnell Qualitätssicherung und Produktionsstandard mitwachsen.
Nicht zuletzt sind rund 1600 Bauernfamilien eng an gebana als Abnehmer gekoppelt. Was passiert, wenn die Schweizer Kundschaft in einer Rezession spart? Oder wenn die Anlaufkurve länger dauert als geplant? Gelingt das Projekt, wird gebana für viele Menschen zur Lebensader – und genau damit steigt das Risiko bei Nachfrageschocks.
Was Togo mit uns zu tun hat
Es ist verlockend, diese Geschichte als Nischenthema abzutun. Ein Schweizer Unternehmen macht in einem kleinen westafrikanischen Land handgemachte Schokolade – nett, aber irrelevant für das grosse Bild.
Das wäre ein Fehler.
Was gebana in Togo versucht, ist ein Prototyp für eine andere Logik: Wertschöpfung dort aufzubauen, wo die Rohstoffe wachsen. Arbeitsplätze, Know-how, Einkommen – im Land, nicht nur auf Containerschiffen Richtung Rotterdam.
Die Bewegung ist breiter, als es scheint. Die Elfenbeinküste investiert staatlich in lokale Verarbeitung. Ghana baut nationale Rückverfolgbarkeitssysteme auf. In Nigeria erobern lokale Unternehmerinnen den Schokoladenmarkt. Und fairafric hat in Ghana gezeigt, dass eine solarbetriebene Schokoladenfabrik in Westafrika funktionieren kann.
Ob die Fabrik in Togo gelingt, entscheidet sich nicht an Absichtserklärungen, sondern an Cashflow, Qualität und Logistik. Gelingt es, könnte das Projekt zeigen, wie sich historische Abhängigkeiten zumindest teilweise verschieben lassen – und wie mehr Menschen am Anfang der Wertschöpfungskette ein existenzsicherndes Einkommen erzielen.
«Unsere Schokolade ist nicht perfekt – aber wir arbeiten täglich daran, sie besser zu machen», schreibt gebana auf seiner Website.
Vielleicht ist genau das der Anfang.
Quellen
- Oxfam: Analysen/Reports zur Kakao-Wertschöpfungskette (Anteil Farmer:innen am Endverkaufspreis)
- ICCO (International Cocoa Organization): Produktionsanteile Westafrika (ca. 70%)
- FAO / EU-Tarifübersichten: Zoll-Eskalation (0% Bohnen; ca. 7,7% Kakaopulver; je nach Kategorie höher)
- Handelsstatistiken (z. B. OEC/UN Comtrade-Auswertungen): Exportanteile verarbeiteter Produkte (z. B. Côte d’Ivoire: 2,4%)
- EU-Verordnung 2023/1115 (EUDR): Stichtage 30.12.2026 (gross/mittel) und 30.06.2027 (klein/kleinst)
- gebana Nachhaltigkeits- & Jahresbericht 2024: Umsatz/Ergebnis sowie Modell-Prämien (u. a. Togo: 121’489 €)
Disclosure: gebana ist Founding Partner von Futurejobs.ch. Dieser Artikel wurde unabhängig recherchiert.
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