Der Impact steckt nicht im Jobtitel
Zwischen Rost und Grün liegt die eigentliche Frage: Welche Hebel bewegen Kapital wirklich in Richtung Zukunft? (Bild: Denny Müller)
Die neue Studie von Swiss Sustainable Finance zeigt: Der Markt für Sustainable Finance ist erwachsen geworden. Doch echte Wirkung entsteht dort, wo Mandat, Daten und Kapital zusammenkommen.
Bloomberg berichtete vor kurzem über den Befund einer neuen Studie von Lisa Sachs, Direktorin des Columbia Center on Sustainable Investment, unter einem unbequemen Titel: «Why Sustainable Finance Hasn’t Moved the Needle on Climate Change.» Die Quintessenz: Sustainable Finance hat die reale Transformation bisher weniger stark beschleunigt, als viele Anfang der 2020er-Jahre gehofft hatten.
Die Kernkritik ist strukturell. Entscheidend ist weniger, ob einzelne Akteur:innen genug tun, sondern ob Ziele, Mandate und Instrumente zusammenpassen. Unter dem Begriff «Klimarisiko» werden sehr unterschiedliche Risiken zusammengefasst: planetare Risiken wie Extremwetter, wirtschaftliche Risiken wie sinkende Wertschöpfung und finanzielle Risiken für Bilanzen und Kreditqualität. Wer diese Ebenen vermischt, verwechselt auch die dahinterliegenden Zuständigkeiten.
Sachs‘ Schluss ist eine Aufforderung zur Klärung: Mandate, Instrumente und Ziele müssen auf die jeweils richtigen Risiken ausgerichtet werden. Diese Klarheit, so Sachs, müsse auch aus dem Umfeld von Wissenschaft, NGOs und standardsetzenden Gremien kommen.
Wo Sustainable-Finance-Jobs wirklich Wirkung entfalten
Doch welche Rollen treiben den Wandel wirklich voran, und welche schaffen das Fundament dafür?
Bei futurejobs versuchen wir, Rollen, die Systeme transformieren, von solchen zu unterscheiden, die sie nur verwalten. Aus Sachs’ Kritik lässt sich dafür ein Filter ableiten. Denn sie legt einen «perversen Anreiz» offen: Behandelt eine Bank den Klimawandel vor allem als finanzielles Risiko, besteht ihre rationale Reaktion darin, das Engagement «zurückzufahren, neu zu bepreisen oder seine Laufzeit zu verkürzen». Klimarisiko zu messen, führt also nicht automatisch zur Finanzierung des Übergangs. Es kann auch dazu führen, dass sich Kapital aus besonders exponierten Anlagen zurückzieht. Eine Stelle, die Risiken misst, um die eigene Bilanz zu schützen, sichert ein System ab. Eine Stelle, deren Mandat darin besteht, etwas zu bauen, zu erforschen oder Kapazität aufzubauen, gestaltet es um.
Beide tragen oft denselben Titel. Doch der Unterschied liegt nicht im Etikett, sondern in der Aufgabe.
Der Markt wird erwachsen, und leiser
Laut der neuen Swiss Sustainable Investment Market Study 2026 von Swiss Sustainable Finance erreichten Anlagen, die nach SSF-Methodik mindestens einen nachhaltigen Anlageansatz anwenden, in der Schweiz Ende 2025 ein Volumen von CHF 1’940 Milliarden, ein Plus von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei Fonds entspricht dieses Segment rund der Hälfte des Schweizer Markts. Das ist kein SFDR-Gütesiegel, sondern ein Hinweis darauf, dass nachhaltige Anlageansätze im Schweizer Finanzmarkt breit angekommen sind. Die Reife des Markts zeigt sich auch daran, dass die Branche genauer definiert, was als nachhaltig gelten darf: Reine Ausschlüsse, ESG-Integration oder Voting reichen nach der AMAS-Selbstregulierung allein nicht mehr aus, um ein Anlageprodukt als nachhaltig zu qualifizieren.
Zugleich trägt nicht alles davon ein Nachhaltigkeitslabel. Bei Fonds werden 64 Prozent aktiv als nachhaltig vermarktet, bei Mandaten nur 27 Prozent. Das hat zwei Lesarten. Einerseits Greenhushing: Finanzakteure kommunizieren vorsichtiger, weil sie rechtliche und politische Risiken scheuen. Andererseits ist nachhaltige Praxis vielerorts schlicht Standard geworden. Die Branche tut mehr, als nach aussen sichtbar ist.
Für den Arbeitsmarkt heisst das: Nachhaltigkeitsrelevanz steht nicht mehr unbedingt auf der Visitenkarte. Sie sitzt dort, wo Risiken neu bewertet, Portfolios weiterentwickelt und Investitionsentscheide vorbereitet werden. Der nächste Impact-Job trägt vielleicht gar keinen grünen Titel.
KI, Klima und Kapital rücken zusammen
Eine der grössten im Bericht genannten Veränderungen betrifft die künstliche Intelligenz. KI wird nicht mehr nur fürs Reporting getestet. Sie wandert in die Kernprozesse: Due Diligence, Bewertung, Risikobeurteilung, Kapitalallokation.
Gleichzeitig werden Klimarisiken finanziell spürbar. Der Bericht identifiziert Extremwetter als den materiellsten naturbezogenen Risikofaktor. 23 Prozent der befragten Finanzakteure haben bereits konkrete Auswirkungen auf ihre Portfolio-Performance erlebt. Besonders sichtbar wird das bei Immobilien: Dort rücken Energieeffizienz, Dekarbonisierungspfade, Renovationsplanung und Klimaresilienz stärker in den Fokus der Anlagepraxis.
Dort, wo KI, Klima und Kapital aufeinandertreffen, entstehen neue Stellenprofile. Gesucht werden Menschen, die Nachhaltigkeitswissen mit Datenkompetenz, Finanz-Know-how und kritischem Urteilsvermögen verbinden.
Der Engpass verschiebt sich von Infrastruktur zu Kompetenz
Viele Akteure im Bereich Sustainable Finance sehen heute weniger ein Technik- als ein Kompetenzproblem. Viele Grundlagen sind geschaffen. Was nun fehlt, sind Fachleute, die mit neuen Datenumgebungen, KI-Tools und Investmentprozessen sinnvoll arbeiten können.
Vier offene Stellen auf futurejobs veranschaulichen, wie unterschiedlich nah eine Rolle am Hebel sitzt. Zwei davon gestalten direkt. Zwei bauen das Fundament, ohne das die ersten beiden nicht funktionieren.
Stellen, die an der Wurzel ansetzen
Bei der Globalance Bank wird ein:e Innovationsmanager:in für Data, AI & Platform Engineering gesucht. Im Fokus steht die nächste Generation der hauseigenen Plattform Globalance World, die Klima-, Footprint- und Finanzdimensionen sichtbar miteinander verbindet. Hier wird KI nicht an den Rand gestellt, sondern ins Zentrum: Sie soll Impact-Kennzahlen so greifbar machen, dass sie Kapital tatsächlich lenken. Das Mandat dieser Bank ist zukunftsorientiertes Investieren, nicht Risikoabwehr. Aufgabe und Wirkung fallen zusammen.
Wer lieber die Grundlagen schafft als sie anzuwenden, findet an der Universität Basel eine PhD-Stelle zur Dekarbonisierung des Gebäudesektors. An der Schnittstelle von Immobilienökonomie, politischer Ökonomie und nachhaltiger Finanzierung entsteht hier die empirische Evidenz, auf der spätere Politik- und Investitionsentscheide aufbauen. Das ist genau das Ökosystem aus Wissenschaft, dem Sachs mehr Klarheit zutraut.
Zwei weitere Stellen liegen näher an der Risikoseite, die Sachs kritisiert. Trotzdem gehören sie hierher, denn ohne sie fehlt die Grundlage.
Die Bank J. Safra Sarasin schreibt eine:n Sustainable Investment Analyst:in für Immobilien aus. Bewertet werden Klima- und Transitionsrisiken von Gebäuden und es geht um die jährliche Durchführung des GRESB-Prozesses. Solche Analysen können zum Rückzug aus einem Risiko führen statt zu seiner Finanzierung. Aber ohne belastbare Bewertung weiss niemand, welches Gebäude überhaupt saniert werden muss. Diese Rolle baut die Datengrundlage, auf der die spätere Umlenkung erst möglich wird.
Ähnlich beim Praktikum im Bereich Climate and Sustainability bei Deloitte. Klimaszenarien, TCFD, CSRD und EU-Taxonomie sind genau jenes Feld aus Messung und Offenlegung, auf dem die Branche sich laut Sachs zu lange gedreht hat. Und doch fehlt es überall an Menschen, die diese Modelle bauen und lesen können. Für Career-Starter:innen und Quereinsteiger:innen mit Datenkompetenz ist das die Tür in die Branche, und der Ort, an dem man lernt, Messung von Wirkung zu unterscheiden.
Auch wenn Sachs’ Studie zum Schluss kommt, dass Sustainable Finance das Klima bisher kaum bewegt hat, finden sich etliche Stellen, die an der Wurzel des Problems ansetzen. Unser Ziel ist es, diese Stellen sichtbar zu machen.
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